Paraguay: Reisetipp(s) Ciudad del Este – (Straßen-)märkte, Wasserkraftwerk Itaipú, Chipas „grillen“

Der größte Markt von Fälschungen und Geklautem: Ciudad del Este, die Staudämme von Itaipú, Chipas über dem offenen Feuer „grillen“ bei einheimischen Paraguayos. Wie man sich ein paar Tage in der paraguayischen Stadt Ciudad del Este beschäftigen kann ohne eine einzige „richtige“ Sehenswürdigkeit Südamerikas zu besichtigen und dabei trotzdem (oder gerade?) tolle Erfahrungen mit und auf dem Kontinent Südamerika macht.
Hier geht das Abenteuer los: An der Grenze mit Blick auf einen der größten Märkte Südamerikas. Links die eigene Motorrad-Spur, rechts der erste mobile Händler.
Hier geht das Abenteuer los: An der Grenze mit Blick auf einen der größten Märkte Südamerikas. Links die eigene Motorrad-Spur, rechts der erste mobile Händler.
Und viel über die Menschen und das Leben in Südamerika lernen kann. Ein Südamerika-Reisetipp der etwas anderen Art, für die Südamerika-Backpacker, die auf ihrer Reiseroute lieber Geheimtipps stehen haben und die Kulturen und Besonderheiten Südamerikas spüren wollen, anstatt zu sehr die üblichen Backpacker-Tipps für Südamerika in ihre Routenplanung und Auswahl der Sehenswürdigkeiten einfließen zu lassen.
Ciudad del Este ist intensiv. Ciudad del Este ist aufgewühlt und schläft niemals. Ciudad del Este ist dreckig, ja mancherorts sogar schäbig. Ciudad del Este ist international. Ciudad del Este kann gefährlich sein. Ciudad del Este ist interessant. Und vor allem eines: Ciudad del Este ist ein Aufenthalt wert, ist ein Highlight, ein südamerikanischer Geheimtipp/Insidertipp. Ciudad del Este ist ein Reisetipp für die wahren Südamerika-Liebhaber!
„Ciudad del Este, der größte Markt gefälschter und gestohlener Waren Südamerikas!“

Diese Aussage hörte ich im Black Cat Hostel in Asunción, wo ich mich während meiner Südamerika-Reise zweimal einquartierte und man mich schon gut kannte (und mir sogar einen Job anbot). Ein Südamerikaner – ich glaube, es war ein Chilene – erzählte mir von Ciudad del Este, der Stadt im Osten Paraguays, direkt im Dreiländereck Paraguay – Brasilien – Argentinien gelegen. Da ich beim Backpacking bekanntlich eher auf die authentischen „Sehenswürdigkeiten“ stehe, weckte dieser Satz natürlich sofort mein Interesse. Das hörte sich nach einem Reiseziel an, das meine „Sammlung“ besuchter Geheim-/Insidertipps in Südamerika durchaus bereichern können sollte.

Mein Gespür hatte mich nicht getäuscht: Nach dem Besuch der Iguazu-Wasserfälle wollte ich in Ciudad del Este einen Stopp einlegen. Während die meisten Backpacker – von Foz do Iguaçu (Brasilien) oder Puerto Iguazú (Argentinien) kommend – wahrscheinlich direkt zum Busbahnhof von Ciudad del Este fahren, um von dort beispielsweise zum Karneval von Encarnación weiterzureisen, interessierte mich der „größte Markt gefälschter und gestohlener Waren Südamerikas“. Dieser beginnt unmittelbar nach dem Grenzübergang, wo ich mir selbstverständlich Ausreise- sowie Einreisestempel der beiden Länder Brasilien bzw. Paraguay holen musste.

Also ließ ich mich dort vom Bus absetzen. Für sogenannte Moto-Taxis (Motorrad-Taxis) gibt es eine separate (enge) Spur, um schnellstmöglich zwischen den beiden Grenz-Seiten hin- und herpendeln zu können. Für Tagesbesucher sind keine Passkontrolle und Ein-/Ausreisestempel notwendig. Mit dem Motorrad(-Taxi) anzureisen ist deutlich schneller, da sie sich durch den Stau vor den Grenzen schlängeln können und direkt an der Grenze eben über erwähnte, eigene Spur verfügen.

Der nachmittägliche Stau zurück Richtung Grenze zu Brasilien
Der nachmittägliche Stau zurück Richtung Grenze zu Brasilien

Die gewaltige Atmosphäre dieser Stadt bzw. deren allgegenwärtiges händlerisches Treiben treffen einen bereits dort mit voller Wucht: Obwohl man noch nicht ganz im Getümmel der Straßenhändler, Ladenbesitzer und Käufer ist, geht es hier zu wie auf einem Bahnhof. Autos, Busse, Motorräder, Fußgänger passieren die Grenzen. Die ersten Straßenhändler versuchen sich gegenüber ihren Wettbewerben zumindest bei den über den Bürgersteig einreisenden potentiellen Kunden einen Standort-Vorteil zu verschaffen. Kaum 50 Meter entfernt ist die Gebäudefront des ersten Straßenzuges sprichwörtlich zu einer einzigen Werbe- und Leuchtreklamefläche geworden, die Luft ist geschwängert mit den feinen Düften der allerorts angebotenen paraguayischen Snacks, Gerichte und Spezialitäten. Vollendet wird dieses typisch südamerikanische Ambiente durch den Verkäufer von „Piratenmusik“ (Música pirata), der versucht seine Monats-CD mit den besten aktuellen Hits des paraguayischen Radio-Senders „Estación 40“ an den Mann und die Frau zu bringen.

So wild geht's dort zu...
So wild geht’s dort zu…
Man beachte die Batterie von Klimageräten
Man beachte die Batterie von Klimageräten

Hat man die oben erwähnten 50 Meter zurückgelegt, kann man sich entweder zunächst in einem der kleinen, einfachen Restaurants zwischen den beiden zweispurigen Richtungen der Straße für die große Einkaufstour stärken oder sich gleich ins Einkaufs-Getümmel werfen. Das ist nicht schwer, überall werden an Straßenständen Klamotten, Musik-CDs, elektronische Geräte und Ramschware angeboten. Die Gebäude bestehen eigentlich nur aus Läden sowie den davor umsatzträchtig positionierten Ständern, Kisten und Haltern. Man kann sich stundenlang beim Schoppen verlieren, da wirklich eine riesige Fläche an Häuserblocks Teil dieses gigantischen Marktes ist. Man sagt, dass man in Ciudad del Este alles bekommt, von gestohlenen Autos aus dem nahegelegenen, reicheren Brasilien über Imitate Schweizer Luxusuhren bis hin zu illegalen Produkten wie Waffen und Drogen.

Die Händler sprechen vorbeischlendernde Kunden in der Regel zunächst auf Portugiesisch an, weil der überwiegende Teil der Einkäufer aus dem benachbarten Brasilien anreist, um dort bei einer Einkaufstour teils Summen im vierstelligen Bereich zu investieren. Das Preisniveau ist generell in Paraguay deutlich niedriger als in Brasilien und da hier auf so konzentrierter Fläche so viel, oft billig hergestellte, Waren/Plagiate feilgeboten werden, sorgt hier auch das Prinzip Angebot und Nachfrage bei nicht immer bester Qualität für tiefe Preise.

Bezahlen kann man natürlich in unterschiedlichen Währungen, das gehört zum Service (und zum (Währungs-)Geschäft, wie sich leicht erahnen lässt…). Ich selbst habe es ausprobiert, unter anderem in einem sehr beeindruckenden Laden, wo Billigware auf engstem Raum angeboten wurde. Die komplette Ladenfläche befand sich im Untergeschoss. Ähnlich wie in einem europäischen 1 Euro-Shop wurden dort auf einfachste Art und Weise Produkte präsentiert. Hatte man seinen Einkauf zusammengestellt, passierte man eine Kasse, wo die Artikel gescannt wurden. Man bezahlte aber nicht direkt dort, sondern bekam eine Auflistung der gewählten Artikel und den Gesamtpreis, der zu bezahlen war.

Die Waren wanderten mittlerweile an eine Art Zwischenlager, wo – passend zur erhaltenen Auflistung – der Einkauf jedes Kunden deponiert wurde. Ein Szenario ähnlich einer Garderobe im Theater. Bezahlt wurde anschließend an kleinen Kassenhäuschen, wobei brasilianischer Real, paraguayische Guaraníes, argentinische Pesos und Dollar als Währung akzeptiert wurden. Mit der Zahl-Bestätigung musste der Kunde nun zurück an die „Garderobe“ gehen und bekam von den dortigen Mitarbeitern die bezahlten Waren ausgehändigt.

Achtung: Wie überall auf der Welt gibt es auch in Ciudad del Este Gauner, die im Gewühl versuchen, durch Tricks an das Hab und Gut anderer Menschen zu kommen. Auch wurde mir von Überfällen auf Menschen mit Großeinkäufen (und mutmaßlich viel (Bar-)Geld) berichtet. Zudem war in den Print-Medien darüber zu lesen. Es ist also Vorsicht geboten. Die üblichen Sicherheitstipps für Südamerika sollten das Risiko jedoch deutlich minimieren. Vor allem wenig frequentierte Seitenstraßen sollten gemieden werden, und nachts würde ich in Ciudad del Este generell gut aufpassen, im Zweifelsfall in der Unterkunft bleiben.

Das Wasserkraftwerk von Itaipú

Nicht nur für Technikfans ein lohnender Ausflug ist ein Besuch des Wasserkraftwerks von Itaipú, welches sich die Kraft des Wassers des Grenzflusses Paraná (Paraguay/Brasilien) zunutze macht.

Das Wasserkraftwerk von Itaipú in der Übersicht. Im Hintergrund fließen noch weitere Wasser-Stränge durch noch mehr Turbinen
Das Wasserkraftwerk von Itaipú in der Übersicht. Im Hintergrund fließen noch weitere Wasser-Stränge durch noch mehr Turbinen

Die Leistung des Kraftwerks ist die zweithöchste aller Wasserkraftwerke der Erde. Bis im letzten Jahrzehnt in China ein noch leistungsstärkeres Wasserkraftwerk eröffnet wurde, war das Wasserkraftwerk Itaipú seit Fertigstellung in den 1980er Jahren lange Zeit das größte der Erde. Der Bau und Betrieb erfolgt(e) in Gemeinschaft der an den Fluss Paraná grenzenden Länder Brasilien und Paraguay.

Eindrücke von diesem technischen Wunderwerk...
Eindrücke von diesem technischen Wunderwerk…
Ciudad del Este Paraguay - Backpacking - Itaipú Wasserkraftwerk (3)
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Durch Zufall sehe ich noch eine kleine Darbietung traditioneller Tänze Paraguays. 2011 beging Paraguay das sogenannte Bicentenario, das "zweihundertjährige" bestehen des Landes.
Durch Zufall sehe ich im Besucherzentrum noch eine kleine Darbietung traditioneller Tänze Paraguays. 2011 beging Paraguay das sogenannte Bicentenario, das „zweihundertjährige“ bestehen des Landes.

Besichtigt man das Werk von der paraguayischen Seite aus, so ist dies kostenlos. In der Nähe von Hernandarias, wenige Kilometer nördlich von Ciudad del Este, befindet sich ein Besucherzentrum. In der Regel kann man sich dort ohne Anmeldung einfinden und bei der nächsten Tour teilnehmen. Mit Bussen werden die Besucher über das Gelände gefahren, es werden sehr viele imposante Daten und Fakten genannt und an wichtigen (Aussichts-)Punkten wird angehalten, um möglichst nah dran dieses imposante Wunderwerk der Technik bestaunen zu können.

Um zum Kraftwerk-Besuchercenter zu kommen, kann man in Ciudad del Este einen Bus nach Hernandarias nehmen. Dem Busfahrer Bescheid geben und sich ein paar Hundert Meter vom Eingang des Besucherzentrums absetzen lassen.

Mit Einheimischen original paraguayische Chipas über dem offenen Feuer „grillen“ bzw. backen

Die Suche einer Unterkunft war in Ciudad del Este nicht ganz einfach. Die Stadt ist nicht unbedingt auf Backpacker eingestellt. Ich hatte mir ein paar Unterkünfte angekuckt, bevor ich etwas gefunden hatte. Eine war sogar so schäbig, dass ich sie ablehnte, was so gut wie nie vor kam (zumindest nicht wegen Schäbigkeit). Schlussendlich wurde es dann eine günstige und einfache Unterkunft, ganz in der Nähe des Busbahnhofs und bei einer netten Familie. Auf meinem Zimmer, welches mit einem riesen Doppelbett ausgestattet war, gab es im Fernsehen ganz viele Kanäle aus der ganzen Welt, auch deutsches Fernsehen, was meinen TV-Konsum für diese Tage stark ansteigen ließ.

Mein großzügiges Zimmer in Ciudad del Este mit Fernseher mit ungewöhnlich vielen Kanälen
Mein großzügiges Zimmer in Ciudad del Este mit Fernseher mit ungewöhnlich vielen Kanälen

In den kostengünstigen Unterkünften in Südamerika bekommt man in der Regel keine TV-Kanäle aus der Heimat. Wenn man überhaupt einen Fernseher hat.

Die Familie, in dessen Hinterhofzimmer ich wohnte, war wie gesagt sehr nett. Eines Abends hatten sie Besuch. Die Temperaturen waren so tief wie angeblich seit 30 Jahren nicht mehr (nachts rund Null Grad) und die Abende/Nächte waren wirklich sehr kalt. Heizung gibt es in den Häusern in Südamerika meistens nicht. So machte man im Hof in einer kleinen, grillähnlichen Wanne ein Feuer, das wärmte. Eigentlicher Grund war aber vermutlich, dass Chipa-Teig vorbereitet worden war, den man über dem Feuer zu Chipas backen wollte. Jedenfalls lud man mich zu diesem gesellschaftlichen Ereignis ein.

So saßen wir auf kleinen Hockern um das Feuer und redeten. Mir wurde ein Holz-Stock in die Hand gedrückt, um den schneckenförmig Chipa-Teig geschlungen war. Ganz in der Manier von Stock-Brotzubereitung, wie wir es aus unserer Heimat kennen, sollte es hier in Paraguay also als hiesige Spezialität „Stock-Chipa“ sein. Nach einer kurzen Einweisung, wie man es richtig macht, ging es los und ich sollte – unter strenger Beobachtung – mein Stück Chipa langsam über dem Feuer backen, ohne dass die Oberfläche verbrannte. Ich wurde zwar für ein letztlich doch leicht verdunkeltes Teilstück auf der Oberfläche des Chipa-Teiges etwas kritisiert. Die Chipa ließ sich aber dennoch als lecker bezeichnen.

Diese Erlebnisse lieb(t)e ich so an meiner Backpacking-Tour durch Südamerika. Fernab von den gängigen Backpacking-Tipps für Südamerika taucht man hier – zumindest vorübergehend – in die südamerikanische Kultur ein. Die großartige Gastfreundschaft ist sicher, wie sich bei diesem Erlebnis wieder zeigte, eine der herausragendsten kulturellen Eigenheiten der Südamerikaner.

Fazit Ciudad del Este

Wenn Du ein Reisender bist, der gerne „off the beaten track“ unterwegs ist und lieber kulturelle Besonderheiten kennenlernt als in Party-Hostels abzuhängen, dann ist Ciudad del Este in Paraguay ein guter Geheimtipp auf Deiner Backpacking-Route durch Südamerika. Die meisten Touristen, seien es die „normalen“ Jahresurlauber oder die Langzeit-Rucksackreisenden, werden sich in Ciudad del Este nicht lange aufhalten.

Zufällig noch das Fussball-Stadion von Ciudad del Este gesehen.
Zufällig noch das Fussball-Stadion von Ciudad del Este gesehen.

Umso authentischer kannst Du hier, im quirligen Ciudad del Este, die südamerikanische Kultur beobachten: Das Wuselige auf den Straßen, das Handeln, das oft Improvisierte, das Lockere der Menschen, das Chaotische, das Laute. Mit den Iguazu-Wasserfällen in Tagesausflugs-Distanz kannst Du dabei noch eine der beliebtesten Sehenswürdigkeiten von Südamerika erreichen. Als weniger überlaufene Alternative zu den Iguazu-Wasserfällen bietet sich ein Ausflug zu den Monday-Wasserfällen (Saltos de Monday) an, welche komplett auf paraguayischem Territorium liegen. Der Besuch des Itaipú-Wasserkraftwerks erfordert nicht viel Zeit und ist eine etwas andere und durchaus beeindruckende Sehenswürdigkeit. Verbringt man ein paar entspannte Tage im Umfeld von fast nur Einheimischen, so ergibt sich oft eine ganz individuelle Gelegenheit des Sightseeings in fremde Kulturen. Die offene und gastfreundliche Art der südamerikanischen Locals begünstigt dies sehr, wie in meinem Falle durch die Einladung zum Chipa „grillen“. Langsam und spontan reisen lohnt sich, dazu sei Dir mein Artikel „Großer Reisetipp 1: Lass Dir Zeit!“ nahegelegt.

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